Solothurn
Nähe ist relativ, auch die geografische. Die Distanz zwischen zwei Orten ist mehr als die Luftlinie dazwischen; sie hängt auch von der Topografie, den Verkehrswegen und dem Fahrplan ab. Ein Ort mag nur fünf Kilometer von meinem Wohnort entfernt sein, aber wenn dazwischen ein Berg liegt und ich einen Umweg über die nächste Stadt nehmen muss, oder wenn nur alle zwei Stunden ein Postauto fährt und am Wochenende gar keines, dann kann es einem vorkommen, als würde der Ort in einem anderen Land liegen.

Das Gegenteil ist mir heute passiert. Ich nahm die letzte Gelegenheit wahr, mir die Sonderausstellung „Fliegend unterwegs“ im Naturmuseum Solothurn anzuschauen. Früher hätte ich für eine Zugfahrt dorthin drei- bis viermal umsteigen müssen. Seit kurzem führt eine S-Bahn-Linie von meinem Wohnort direkt nach Langenthal, sodass ich jetzt mit nur einmal Umsteigen nach Solothurn kam, einen Ort, an dem ich seit meiner Kindheit nicht mehr war und der mir deshalb sehr fremd vorkam.

Es tat sich eine ganz seltsame Schere auf: Die Umgebung kam mir völlig unbekannt und exotisch vor, aber mein Zeit- und Raumgefühl sagte mir, dass ich eben erst das Haus verlassen hatte und mich somit noch im Umkreis meiner vertrauten Heimat befand. Es war, als ob die ganze Stadt Solothurn an ihrem alten Standort abgebaut und 30 Kilometer näher an meinen Wohnort verschoben worden wäre. Total surreal. So seltsame Gefühle kann der Ausbau des öffentlichen Verkehrs auslösen.