
Nach über einem Monat ohne GA habe ich jetzt wieder eins und gönnte mir zum Auftakt einen Tagesklassenwechsel. Gleich zwei Kondukteure kommen vorbei und lassen sich das Abo zeigen, davon ein Deutscher, der offenbar neu ist und noch von seinem Schweizer Kollegen eingewiesen wird. Nach einer halben Stunde kommen sie wieder und wollen erneut mein Billett sehen. Keiner von beiden erinnert sich an mich, obwohl ich fast der einzige Passagier im Wagen bin. "Entschuldigung", sagt der Deutsche, "wir können uns nicht alle Leute merken".
Ich wusste gar nicht, dass ich so unscheinbar bin.
Es ist Oktober 2008, und für den Fussweg zur Arbeit ist eine Machete nötig.
Zum ersten Mal dies oder jenes gemacht, zum ersten Mal hier oder dort gewesen: Ich sollte hier eine eigene Rubrik einrichten mit dem Titel: "Damian fängt an zu leben". Diesmal: Damian geht im Engadin zum ersten Mal in die Sauna, in die gemischte noch dazu, und es gefällt ihm aussergewöhnlich gut - was selten ist für einen Ort, an den er keine Kamera mitnehmen kann.

Ich weiss nicht, wie der Fahrer dieses ausgebrannten Roadsters am Bahnhof Mals (Vinschgau/Südtirol) seine Reise fortgesetzt hat, aber vielleicht ist ihm der Veloverleih am selben Ort ja gerade gelegen gekommen.



Unterwegs mit der Vinschgerbahn von Mals nach Meran und zurück, vorbei am Schloss Juval von Reinhold Messner.














S-charl im Unterengadin gilt als einer der abgelegensten Orte der Schweiz. Das am Rand des Nationalparks auf 1810 Metern Höhe gelegene Dorf ist nur über eine nicht asphaltierte Strasse zu erreichen - im Winter sogar nur per Pferdeschlitten. Auf der Fahrt von Scuol hinauf durchs Val S-charl kommt man sich vor wie in der kanadischen Wildnis. Der Alltag scheint Tausende von Kilometern weit weg in einer anderen Welt zu liegen.
Das wird sich auch unser Arbeitskollege gedacht haben, bevor wir ihn mit seiner Familie zufällig im Dorf angetroffen haben.


















Ausflug ins zollfreie Einkaufsparadies Samnaun, sozusagen die schweizerische Variante von Livigno - wobei eigentlich alles, vom Dialekt der Einheimischen bis zur Architektur, eher ans benachbarte Österreich erinnert als an die Schweiz.
"Zollfrei-shopping macht spass!", lautet - in etwas abenteuerlicher Rechtschreibung - die Aufschrift auf einer Geschäftsfassade, aber bevor ich diesen Spruch ohne Einschränkung unterschreiben kann, muss es in Samnaun noch einige Elektronikläden mehr geben. Unter all den Fachgeschäften für Schnaps, Zigaretten, Uhren und Kleider findet man davon nämlich kaum welche - wir jedenfalls haben sie nicht gefunden.
Trotzdem war der Ausflug sehr schön und verschaffte mir bereits Anfang Oktober den ersten Kontakt mit Schnee in dieser Saison. Gummibärchen im Jumbo-Pack gibt's in Samnaun übrigens auch, aber diesmal konnte ich mich beherrschen.
















Am Donnerstag noch mehr Schaum an der Sony World: unser zweiter Besuchstag im TV-Studio Zürich. Ich muss aber lernen, dass die Welt nicht nur aus Sony besteht: Eine kurzfristig einberufene Sitzung hält mich am Vormittag am Arbeitsplatz zurück. Ich verpasse die ersten drei Referate, für die ich mich angemeldet habe, und kann mich meinem Kollegen S. erst Mitte Nachmittag anschliessen. So reicht es immerhin noch für das Podiumsgespräch "Einfluss von HD auf Werbe-, Dokumentar- und Spielfilm" (Konsens: In drei Jahren ist der herkömmliche Film als Aufnahmemedium tot) und für das Referat unter dem Titel "Trophäen der Zeit" des Formel-1-Fotografen Daniel Reinhard.
Der sympathische Obwaldner wirkt ein bisschen verloren: Erstens hält sich der Publikumsandrang in Grenzen, und zweitens versagt die Regie. Zuerst muss der Referent jedesmal "weiter" sagen, wenn er das nächste Bild seiner elektronischen Diaschau gezeigt haben will, dann schalten die Bilder plötzlich automatisch im Dreisekundentakt vorwärts, sodass der Redner kaum Zeit hat, zu jedem Bild etwas zu sagen. Interessant die Aussage des Referenten, dass er in seinem Workflow zwar kaum Zeit für die Nachbearbeitung seiner Bilder habe, dass er aber trotzdem gelegentlich störende Elemente im Photoshop entferne, z.B. wenn jemand mit einer auffälligen Jacke im Hintergrund vom Rennwagen ablenke. Bei Werbeaufnahmen mag das ja zulässig sein, bei Pressebildern hingegen finde ich das sehr heikel.

Zum Abschluss gibt es erneut ein Set mit Martini-Shaker und zwei Gläsern als Giveaway. Zwar trinke ich keinen Alkohol und kann schon das am Vortag erhaltete Set nur als Andenken gebrauchen, aber ich nehme jetzt gerne noch ein zweites zum Weiterschenken mit.
In Zürich Oerlikon besteigen wir den direkten Zug nach Luzern. So entgehen wir dem Pendlergedränge im Hauptbahnhof Zürich. Ärger gibt es dort trotzdem: Ein Mann in den 50ern, der im HB als einer der ersten einsteigt, legt bloss seinen Rucksack auf den freien Platz in unserem Dreierabteil, sagt, dass er noch aufs WC müsse, und macht sich aus dem Staub. Es kommt, wie es kommen muss: Die weiteren einsteigenden Passagiere glauben, dass wir zu jenen rücksichtslosen Rüpeln gehören, die selbst im grössten Gedränge einen Sitz mit ihrem Gepäck blockieren. Fünfmal werden wir gefragt: "Ist hier noch frei?", fünfmal sagen wir "Nein, leider nicht", und fünfmal, so habe ich den Eindruck, glaubt man uns nicht.

Als der Mann zurückkommt, ohne zu ahnen, wie wir uns für die Verteidigung seines Sitzplatzes ins Zeug legen mussten, beginnt S. von den Referaten zu erzählen, die ich verpasst habe. Vom Vortrag "The Future of Slow Technology" des Buchautors Carl Honoré erzählt er so spannend und ausführlich, dass ich das Gefühl habe, selber dabei gewesen zu sein, und ich habe den Eindruck, dass noch andere Leute im Zug zuhören. Honoré, Autor eines in 33 Sprachen übersetzten Buches, plädiere für mehr Langsamkeit in allen Lebensbereichen, sagt S. Der Referent habe auch erzählt, dass IBM jetzt etwas eingeführt habe, um zur Entschleunigung am Arbeitsplatz beizutragen, er, S., wisse jetzt aber nicht mehr, was.
Bei der Ankunft in Luzern gibt es wieder ein Gedränge, wir bleiben mit dem Fremden aus unserem Abteil im Stau der Aussteigenden stehen. "IBM", sagt der Mann plötzlich zu S., "Yoga über Mittag."
Gestern Dienstag Besuch der "Sony World 2008", einer Messe mit Sony-Produkten in einem Studio des TV-Produktionszentrums TPC in Zürich. Rund um zwei grosse Becken, in die eine Maschine - passend zur aktuellen Sony-Werbekampagne - Schaumwürste von der Decke fallen lässt, sind bekannte Consumer-Geräte wie die PlayStation zu sehen, aber auch professionelle, sonst unerreichbare Traumgeräte zum Anfassen: eine Videokamera für 14'526 Franken, ein 23-Zoll-Monitor für 37'970 Franken, ein Beamer für 59'000 Franken und viele mehr.
Ausserdem sind in einem Auditorium interessante, wenn auch ein bisschen oberflächliche Referate und Interviews zu hören: Der Schweizer Schauspieler Anatole Taubman, der als Bösewicht im kommenden Bond-Film kurz vor seinen 15 Minuten Ruhm steht, erzählt von seiner Rolle, wobei es allerdings jetzt eher den Eindruck macht, als ob er bloss den Sidekick des Bösewichts darstellen würde (wie auch immer: Im Film wird irgendetwas Lustiges mit seinem Toupet geschehen, das wissen wir jetzt schon). Martin Schilt, Projektleiter SF Spezial, berichtet von der Arbeit an der in High-Definition gedrehten Serie "Fernweh - Rund ums Mittelmeer" mit Mona Vetsch, aber gerade, als es besonders spannend zu werden verspricht, sagt er: "Vom Workflow verstehe ich leider gar nichts, dazu müssen sie nachher den Techniker fragen". Und der Auftritt von Alberto Venzago und Beat Lehnherr wird dem Titel "Shooting as an Independent Filmmaker" kaum gerecht, weil es sich eigentlich bloss um eine kurze Vorstellung von jüngeren Werken dieser beiden nicht ganz uneitlen Filmemacher handelt, ohne dass Grundsätzliches zur unabhängigen Filmproduktion auch nur ansatzweise zur Sprache kommt.
Trotzdem ist die Atmosphäre sehr angenehm, nicht zuletzt auch, weil dieses Jahr auf den medizintechnischen Geräten keine unappetitlichen Operationsvideos gezeigt werden - die "laparoskopische Ösophagusresektion", ein Eingriff an der Speiseröhre, der einem letztes Jahr in High-Definition zugemutet wurde, jagt mir jetzt noch kalte Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke. Diesmal aber hält einen nichts Derartiges davon ab, sich wiederholt am reichhaltigen Buffet zu bedienen: Getränke, Häppchen und Kuchen gibt es gratis und bis zum Abwinken. Zum Abschluss des Besuchs erhält man als Geschenk - ebenfalls passend zum neuen Bond-Film - einen Martini-Shaker mit Sony-Aufschrift und zwei Gläser.
Heute gehen wir nochmals hin.

Kleiner Abstecher aus dem Engadin durch den einspurigen Munt-la-Schera-Tunnel und über die Staumauer Punt dal Gall nach Livigno in Italien. Eine ebenso schöne wie wenig bekannte Strecke, die allein schon deshalb die Reise wert ist. Ganz abgesehen vom zoll- und mehrwertsteuerfreien Einkaufen, das sich ebenfalls lohnt - oder für mich gelohnt hätte, wenn ich nicht bloss zwei Kilo Gummibärchen gekauft hätte. Beim Fotozubehör, das in den zahlreichen Spezialgeschäften angeboten wird, hielt ich mich zurück, weil ich dachte, dass dieselben Artikel im Internet noch günstiger zu haben seien. Leider falsch. Jetzt muss ich irgendwann mal wieder dorthin.
Übrigens wurde mir auch wieder bewusst, dass ich bisher nicht wirklich weit herum gekommen bin. Nachdem ich mich diesen Frühling zum ersten Mal ein paar Kilometer auf französisches Staatsgebiet gewagt habe, war der Ausflug nach Livigno jetzt auch mein erster Abstecher nach Italien.




















